Halbmondlager Waldstadt Wuensdorf – Archäologische Grabungen

Halbmondlager Waldstadt Wuensdorf – Waldspielplatz – Waldcafé – Waldhotel – Waldbad – Waldlauf – Waldyoga – Waldspaziergang – Waldpilz – ……

Waldpilz? Interessant, dass dem Wort „Pilz“ ein „Wald“ voran gestellt wird um auf ihn als Delikatesse aufmerksam zu machen. Alle anderen Pilze werden im Handel nur als „Pilze“ gekennzeichnet. Das Wort „Kultur“ wird ihm nicht voran gestellt. Haben wir ein Problem mit dem Wort „Kultur“?


Ich habe mich gefragt, wie ein Ort mit so viel Geschichte, ein Ort, der immer mit Gewalt und Krieg zu tun hatte, einen so positiv besetzten Zusatz erhalten hat: Waldstadt! Und tatsächlich, der Ortsteil Waldstadt ist erst 1996 gegründet und 1998 nach Wünsdorf eingemeindet worden.

Wobei Waldstadt selber auch nicht gerade ein verträumter Ort zum Leben war.
Aber darum geht es hier jetzt nicht. Es geht um Wünsdorf und dabei genau um ein Gebiet um ein eher bekanntes Gebäude, dem „Haus der Offiziere“, herum.

Von 1910 – 1994 war Wünsdorf Militärstandort, Schießplatz und Truppenübungsplatz, Standort für ein Kriegsgefangenenlager mit Bau der erste Moschee auf deutschem Boden (1914), Hauptquartier der Reichswehr, Standort einer kaiserlichen Turnanstalt, später Heeressportschule (hier wurden 1936 die deutschen Wettkämpfer auf die Olympiade vorbereitet und untergebracht). Hier entstanden Bunkeranlagen mit Luftschutzbunkern und der „Nachrichtenzentrale Zeppelin“, später die Nachrichtenzentrale RANET (von ihr wurden sowohl alle Verbindungsarten zur Hauptnachrichtenzentrale des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR betrieben als auch der sowjetische Panzerschutz für den Bau der Berliner Mauer organisiert).

Wünsdorf wurde ab 1945 Sitz des Oberkommandos der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Täglich fuhr von hier ein Zug nach Moskau. Die B96 wurde für den Durchgangsverkehr gesperrt, 800 Menschen umgesiedelt und 30.000 sowjetische Soldaten hier stationiert. In Spitzenzeiten lebten hier an die 75.000 sowjetische Männer, Frauen und Kinder.

Für DDR Bürger war das Gebiet gesperrt.

1994, die Truppen ziehen ab, zurück bleibt eine menschenleere Garnisonsstadt, 98.000 Stück Munition und 47.000 Stück sonstige Kampfmittel, 29 Tonnen Munitionsschrott. 45.000 Kubikmeter Sperrmüll wurden abtransportiert, hinzu kamen tonnenweise Chemikalien, Altöle, Altfarben, Altreifen, Akkumulatoren sowie Asbestabfälle.

All das kann man in vielen Büchern und Artikeln nachlesen, Bunkeranlagen besichtigen oder in Museen erfahren.

Das einem Ort mit so einer negativen Geschichte nun also das Wort „Wald“ voran gesetzt ist, ist sicherlich unverdient.


Wir waren dort um Luftaufnahmen von dem Gelände zu erstellen auf dem der Kaiser 1914 die erste Moschee auf deutschem Boden errichten ließ, in einem Gefangenenlager, dem „Halbmondlager„.

Das Wünsdorfer Halbmondlager war ein „Vorzeige-Camp“. Hier waren außereuropäische Kriegsgefangene inhaftiert: Inder, die für die Briten in den Krieg gezogen waren, Marokkaner, Algerier, Tunesier für die Franzosen, Tataren für die Russen, Gefangene aus anderen Kolonialgebieten. Mehrheitlich Muslime.

In dem uns aufgedrängten Kampfe gegen England, den dieses bis aufs Messer führen will, wird der Islam eine unserer wichtigsten Waffen werden“

Diplomat Max von Oppenheim 1914 in einer Denkschrift, die er dem Orientliebhaber Kaiser Wilhelm II. vorlegte.

Während des Ersten Weltkrieges war Max von Oppenheim im Auswärtigen Amt in Berlin, wo er die Nachrichtenstelle für den Orient gründete und in der deutschen Botschaft in Istanbul tätig war. Er versuchte während des Kriegs die islamische Bevölkerung des Nahen Ostens gegen England zu mobilisieren; wegen seiner Aktivitäten im Interesse eines Glaubenskriegs gegen die Kolonialherren unter den Arabern erhielt er den Beinamen Abu Djihat. Das Auswärtige Amt verfolgte eine Strategie der islamischen Revolten im kolonialen Hinterland der deutschen Gegner. Der „geistige Vater“ dieses doppelten Konzepts, des Krieges erstens durch Truppen an der Front und zweitens durch völkisches Aufbegehren „in der Tiefe“, war Max von Oppenheim (Dschihad-Strategie).

„Dschihad“ bedeutet im Arabischen „Bemühen“ oder „Kampf“. Das kann ein Innerer sein, oder sich – als so genannter „Heiliger Krieg“ – gegen einen äußeren Feind richten. Im Ersten Weltkrieg wollte man die Idee des kriegerischen Dschihad nutzen, um muslimische Soldaten der gegnerischen Seite zum Überlaufen zu bewegen, so auch die Gefangenen in Wünsdorf.

Diesem Ziel diente auch der Bau einer Moschee im Halbmondlager Waldstadt Wuensdorf. Genutzt hat es aber wohl nichts und mit dem Kriegsende war auch das Interesse am Islam in Deutschland vorbei.

 

Und jetzt, nachdem die Archäologen Grabungen vorgenommen haben, jetzt soll dort das größte Flüchtlingslager, das größte Lager für Asylbewerber in Deutschland entstehen: wohnen im Grünen!

 

Für Aufnahme 9, eine Gesamtübersicht, sind wir nicht extra hoch gestiegen, sondern haben in 60m Höhe das Gebiet in einzelnen Aufnahmen „gescannt“ und dann später aus 40 Einzelaufnahmen eine Gesamtübersicht erstellt. So bleiben wichtige Details erkennbar.


Vielen Dank an das „Archäologiebüro ABD-Dressler Archäologie/ Baubegleitung/ Denkmalpflege“ sowie an „Anja Seeger, Brandenburgischer Landesbetrieb für Liegenschaften und Bauen“  für die Unterstützung und Genehmigung.

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